Was machen die Grevesmühlener „Piraten“ im Winter?
Filmdreh mit Quentin Tarantino, „Seeräubertreffen“ in Key West und „Capt`n Flint“ spielt „Rumpelstilzchen“
Winterpause? Die gibt es für die Crew des PIRATEN-OPEN-AIR-Theaters Grevesmühlen nicht. Seit Ende November ist die Truppe in der Welt unterwegs: In Potsdam, Leipzig, Magdeburg und München spielen sie Grimms Märchen und bereiten parallel ihre große Silvesterparty im Heimathafen Grevesmühlen vor. Im neuen Jahr entern sie die „Grüne Woche“ in Berlin, besuchen die „SeaTrade Cruise Shipping“ in Miami/USA und reisen in die „Piratenhauptstadt“ Key West/USA. Und so ganz nebenbei finden auch noch Dreharbeiten mit dem amerikanischen Star-Regisseur Quentin Tarentino statt.
Ostseeküste Mecklenburg, 19. Dezember 2008. „Was machen die Grevesmühlener Piraten im Winter – ganz einfach, sie hüllen sich in seltsame Gewänder und spielen Märchen der Gebrüder Grimm“, sagt Peter Venzmer und schmunzelt verwegen, so, wie man es von einem „echten Freibeuter“ erwartet. Der Mann mit dem Lockenkopf und dem kecken Ring im linken Ohr ist der Intendant des PIRATEN-OPEN-AIR-Theaters Grevesmühlen im Landkreis Nordwestmecklenburg.
Tausende Besucher erlebten im vergangenen Sommer die vierte Episode von „Die schicksalhaften Begegnungen des Capt`n Flint“ und fieberten mit, als eben jener Flint, vielen bekannt aus R. L. Stevensons Roman „Die Schatzinsel“, und seine Mannen auf Tortuga, einer Piratenhochburg vor der Küste Hispaniolas, gemeine Machenschaften überstehen mussten. Verwoben mit authentischen Ereignissen und verbürgten Gestalten der Piratenära, erzählen Peter Venzmer und sein Ensemble, was vor den Ereignissen auf der „Schatzinsel“ geschah und wie „Capt`n Flint“ zum Piraten wurde. Doch nun ist Winterpause.
„Denkste“, sagt da Intendant Venzmer. „Nach der Saison ist vor der Saison.“ Seit Ende der Spielzeit im September sind er und sein Team „auf den Weltmeeren“ unterwegs. Geankert haben sie derzeit auf Weihnachtsmärkten in Potsdam, Leipzig, Magdeburg und München, wobei Potsdam in der Adventszeit schon seit einigen Jahren ihr Hauptankerplatz ist. Dort macht die Crew um Peter Venzmer Tag für Tag und noch bis zum 28. Dezember Kinderherzen glücklich: Freitags, samstags und sonntags um 17 Uhr stehen die „Piraten“ hier mit Grimms Märchen auf der Bühne, unter der Woche bitten sie ihre kleinen Zuschauer und deren Eltern zu interaktiven „Mitmach-Märchen“.
„Wir spielen in prächtiger, 60 mal 22 Meter großer Kulisse“, so Peter Venzmer. Im Repertoire haben die „starken“ Männer und Frauen sage und schreibe 17 verschiedene Märchen - von „Hänsel und Gretel“ über „Schneeweißchen und Rosenrot“ bis zum „Tapferen Schneiderlein“. Da auch „Piraten“ nicht so einfach zu „Froschkönig“ und Co. werden, wurde seit dem Sommer fleißig geprobt – parallel zu den PIRATEN-OPEN-AIR-Vorstellungen.
Geschätzte tausend strahlende Kinderaugen pro Aufführung erleben, wie sich die „Seeräuber“ in Märchenfiguren verwandeln: „Capt`n Flint“ alias Gero Bergmann ist nun „Rumpelstilzchen“, PIRATEN-OPEN-AIR-Regisseur Alfons Kujat spielt den bösen Wolf aus „Rotkäppchen“, „Bill Bones“ alias Rolf Kanis ist jetzt ein Märchenerzähler, „Siri-Tong“ alias Beate Dieckmann beißt als „Schneewittchen“ in den vergifteten Apfel und… Auch Peter Venzmer ließ es sich nicht nehmen, einmal auf der Potsdamer Märchenbühne zu stehen. „Normalerweise habe ich keine Zeit dazu, aber hier musste ich einfach einmal mitmachen“. Er spielte den Zauberer in „Der gestiefelte Kater“. „Und wer weiß“, erzählt er, „vielleicht mache ich das noch mal. Am 28. Dezember dürfen sich die Kinder ein Märchen wünschen. Sollte es ,Der gestiefelte Kater` sein, bin ich dabei.“ Apropos leuchtende Kinderaugen: Zur weihnachtlichen Märchenzeit werden auch hartgesottene „Freibeuter“ ganz weich. Peter Venzmer: „Es ist einmalig, zu erleben, wie sich die Kinder über unsere Märchen und unsere fantastischen Kostüme freuen.“
Einmalig wird sicher auch die große Silvesterparty, mit der die „Piraten“ in das neue Jahr starten: Zum Jahresende steuern sie ganz kurz ihren Heimathafen Grevesmühlen an und bitten am 31. Dezember ab 19 Uhr zur „Silvester-Sause“ mit karibischem Buffet, Live-Musik, DJ, Kleinkunst, Show-Acts, Sekt, Rum und großem Illuminationsfeuerwerk. „Gefeiert wird, bis alle in die Koje fallen“, sagt Peter Venzmer augenzwinkernd.
Zum Ausruhen bleibt nach der Party jedoch keine Zeit: Das „Piratenschiff“ fährt gleich weiter zur „Internationalen Grünen Woche“, die vom 16. bis zum 25. Januar in Berlin stattfindet. Peter Venzmers Jungs, allen voran „Capt`n Flint“ Gero Bergmann, werden - natürlich in ihren Original-Kostümen - auf der Messe für das Land Mecklenburg-Vorpommern und die Region Nordwestmecklenburg werben und den Berlinern Lust machen, auch im nächsten Jahr wieder das Grevesmühlener Piratentheater zu besuchen.
Im März geht es für die „starken Männer und Frauen“ auf ganz große Fahrt: Sie wurden für die „SeaTrade Cruise Shipping Miami“, die wohl größte und wichtigste Messe der Kreuzschifffahrtindustrie, gebucht und werden die Messebesucher an den Vertretungen der bundesdeutschen Unternehmen, die sich dort präsentieren, unterhalten. Gleichzeitig agieren die „Piraten“ auf der Messe auch international: Die Cayman Islands und die Dominikanische Republik haben die Nordwestmecklenburger engagiert. In „karibischer Piratentradition“ wollen sie Fechtszenen und Theatereinlagen zum Besten geben.
Ihre „Winterreise“ führt Venzmer und seine Crew auch nach Key West. Auf der einstigen Pirateninsel ist man noch heute stolz auf die Seeräubervergangenheit und hält viel von den „Piraten“ der mecklenburgischen Ostseeküste. Peter Venzmer kennt Polizeichef und Bürgermeister der Insel gut und wird sich mit beiden treffen, auch, um darüber zu sprechen, wie Grevesmühlen und Key West irgendwann „Piraten“-Partner werden könnten. Venzmer: „Dann, wenn aus der heimlichen ,Piratenhauptstadt´ Grevesmühlen eine echte geworden ist.“
Der spannendste Termin für die Crew: Am 12. März trifft man sich mit den „Bone Island Baccanieres“, Piratenfans, die dort ähnliches auf die Beine stellen, wie die Greves-mühlener „Freibeuter“ in Mecklenburg-Vorpommern. „Wir wollen besprechen, was wir vielleicht mal gemeinsam organisieren können“, verrät Venzmer. Und natürlich geht es – am Originalschauplatz schlechthin – auch um Kostüme. „Einen Großteil unserer Kostüme lassen wir in Key West anfertigen und bringen auch von dieser Reise wieder welche mit.“ Zudem wird der Intendant die „Key-West-Piraten“ einladen: „Es wäre toll, wenn sie mal nach Grevesmühlen kommen würden.“
Auch die Filmbranche ist längst auf die norddeutschen „Freibeuter“ aufmerksam geworden. Venzmers Chef-Stuntman Udo Lüttig doubelte zum Beispiel in dem Film „In 80 Tagen um die Welt“ den berühmten Schauspieler Jackie Chan. Derzeit stehen Lüttig und elf Kollegen für den neuen Film des amerikanischen Star-Regisseurs Quentin Tarantino vor der Kamera. „Gedreht wird bis zum 10. Februar, vornehmlich in Deutschland.“ Wo, will Venzmer nicht verraten. „Auch ,Piraten´ haben Betriebsgeheimnisse.“ Ein Geheimnis bleibt vorerst auch, in welcher großen deutschen Produktion die Crew des PIRATEN-OPEN-AIR-Theaters in diesem Winter noch mitspielen wird. Babelsberg lässt grüßen…
Irgendwie und irgendwann soll in den nächsten Wochen auch Zeit bleiben, um ein paar Tage auszuspannen. „Auch ,Piraten‘ müssen mal Urlaub machen. Die vergangene Saison war nicht nur sehr erfolgreich, sondern auch hart.“ Außerdem beginnt schon ab Ende März der Aufbau des überdimensionalen Bühnenbildes für die neue Spielzeit. Da muss jede Menge koordiniert und organisiert werden, damit mit Beginn der Vorstellungen am 19. Juni auch „alles steht“. Über „Capt`n Flints“ Erlebnisse in 2009 will Venzmer auch noch nichts verraten. Nur so viel: „Das Stück wird einen furiosen Start haben, mit jeder Menge Tempo, so, wie es die Besucher nur von Piratenfilmen aus Hollywood kennen.“