Pressemitteilung

Hinter den Kulissen: Capt´n Flint und Co. – nach 14 Jahren Weltreise an der Ostseeküste Mecklenburg angekommen

PIRATEN OPEN AIR THEATER Grevesmühlen im Landkreis Nordwestmecklenburg startet am 20. Juni in die vierte Seeräubersaison

Ostseeküste Mecklenburg/Landkreis Nordwestmecklenburg, 9. Juni 2008. Es ist warm. Die Sonne strahlt, der Himmel ist wolkenlos. Kaiserwetter. „Piratenwetter“, sagt Peter Venzmer. Der 52-Jährige mit der Lockenfrisur und dem kecken Schmuck im linken Ohr erinnert an einen Piratenboss. Venzmer ist der Intendant des PIRATEN OPEN AIR Theaters Grevesmühlen. Das startet am 20. Juni mit dem Episodenschauspiel „Die schicksalhaften Begegnungen des Capt´n Flint“ in die vierte Seeräubersaison. In einer Adaption des berühmten Romans „Die Schatzinsel“ von R.L. Stevenson erzählen Venzmer und sein Team, was vor den Ereignissen auf jener Insel geschah, woher Capt´n Joshua Flint kam und wie er zum Piraten wurde. In der diesjährigen Episode „Die Herren der Küste“ geraten Freibeuter Flint und seine Freunde auf Tortuga, dem Piratenparadies vor der Küste Hispaniolas, in ein turbulentes Treiben.

Nachdem Peter Venzmer mit seinem Theater im vergangenen Jahr vom Ploggensee an die Schweriner Landstraße, nur wenige Autominuten von der Kreisstadt Grevesmühlen entfernt und sehr günstig über die Ostseeautobahn A20 zu erreichen, übersiedelte, verbaute er in nur sechs Monaten eine siebenstellige Summe, um die Karibik des 17. Jahrhunderts an die Ostseeküste Mecklenburg zu holen. „Was in der Karibik spielt, muss auch nach Karibik aussehen“, sagt er und zeigt auf die beeindruckend große Naturkulisse – den „Hafen von Tortuga“ – mit Felsmauern, zwei Kirchtürmen, Taverne, Brunnen, karibischem Sand und einem künstlich angelegten See, der noch mit 80.000 Litern Wasser gefüllt werden muss.

Die Vorbereitungen für die Premiere laufen auf Hochtouren. Gerade sind die – echten – Palmen eingetroffen und werden in das karibische Gesamtbild eingepasst. Überall wird kräftig gewerkelt, hier fehlt noch ein Nagel, dort eine Schraube, woanders die Farbe. Schauspieler proben Fechtszenen, zwei Zimmerleute einige Meter weiter stört das wenig, das ist Alltag hier, alles muss pünktlich fertig sein.

25 „Stamm-Piraten“ zählt das Theater. Jetzt, in der Saison, besteht das Team aus 60 starken Männern und Frauen – Schauspielern, Technikern, Komparsen, Stuntleuten. Im eigens eingerichteten Pausenzelt trifft man Regisseur Alfons Kujat, Hauptdarsteller Gero Bergmann alias Capt´n Flint und den Rest der Schauspieler-Crew. Die Atmosphäre ist familiär, die meisten kennen sich jahrelang, sind von Anfang an dabei. Noch einen Kaffee und eine Zigarette, schnell mal den Text durchgegangen. Um 10 Uhr beginnen die Proben. Der Berliner Kujat, der selbst 30 Jahre lang mit einem Theaterensemble Deutschland bereiste und im aktuellen Stück auch den Part des Seeräuberkapitäns Baccaujau inne hat, hat bislang für jede Piratenepisode das Drehbuch geschrieben und die Inszenierung übernommen. „Nach der Vorgabe von Peter Venzmer, er liefert das Konzept, ich bringe es dann in Drehbuchform.“ Peter Venzmer wird später verraten, dass er sich jedes Jahr im September, nach Ende der Vorstellungen, ein paar Tage „irgendwohin zurückzieht“, um ungestört die Story für die nächste Episode zu entwickeln. „Die Herren der Küste“ entstand auf Rhodos in Griechenland.

Das Piratenthema und die damit verbundene Historie, erzählt Regisseur Kujat, seien für ihn eine spannende Herausforderung: „Es gibt ja durchaus Aspekte, gerade auf politischer Ebene, die sich in die heutige Zeit übertragen lassen. Dieses Thema hat beides – einen hohen Unterhaltungswert und eine Botschaft. Es geht um gesellschaftliche Umstände, die Menschen verändern, und um das, was sie zusammenhält. Und es ist der Kindheitstraum eines jeden, einmal ein Pirat zu sein.“ Junge und alte Seeräuberfans dürfen denn auch gespannt sein: Für das Entertainment sorgen in diesem Jahr auch Slapstick-Einlagen. „Die werden besonders den Kindern Spaß machen“, meint Alfons Kujat. 60 Fechtszenen pro Vorstellung – „unvorstellbar viele“ -, atemberaubende Stunts und jeden Abend ein Feuerwerk erwarten die Besucher. Nicht zu vergessen die Pferdestunts. Diese erfordern, dass die Schauspieler richtig reiten können und vor allem eine spezielle Ausbildung der Pferde. Der Regisseur: „Unsere Pferde dürfen keine Scheu vor Feuer haben, müssen Kanonendonner aushalten und auf Kommando stehen bleiben – das braucht jahrelanges und behutsames Training.“ Acht prachtvolle Huftiere unterschiedlicher Rassen werden dazu täglich von 8 bis 10 Uhr von Pferdetrainerin Diana Müller aus Brandenburg ausgebildet.

Szenenwechsel. Die Theaterprobe hat begonnen: Schauspieler Andreas Conrad (49) alias „Edward England“ ist einer der Schurken. Im Moment wartet er auf seinen Einsatz. Er liebt es, den bösen Part zu spielen: „Es macht einfach Spaß. Zum König machen einen immer die anderen, ein Schurke ist man von allein. Der wird verachtet, gleichzeitig aber auch geliebt.“ Conrad steht gern auf der PIRATEN-OPEN-AIR-Bühne. „Ich finde es toll, wie sich dieses Projekt entwickelt, wie das Ensemble gemeinsam dafür kämpft, dass hier eine super Vorstellung herauskommt.“ Damit das geschieht, muss er jetzt auch ran. Der Regisseur hat gerufen: „Achtung!“ Los geht es.

Peter Venzmer setzt sich derweil auf einen der 1.500 blauen Einschalensitzplätze auf den zwei Zuschauertribünen. Von hier aus hat er alles im Blick. „Wie in anderthalb Wochen die Besucher.“ Er nutzt die kurze Verschnaufpause, um ein bisschen zu erzählen, von damals, als sein „Piratenleben“ begann.

Die Protagonisten der „Schatzinsel“ waren die Helden seiner Kindertage. Als junger Mann erfüllte sich der gebürtige Rüganer den „Traum von den sieben Weltmeeren“ und fuhr zur See. Der Gedanke, „sich irgendwann den eigenen Buddelkasten zu bauen, etwas zu schaffen, was es so noch nie gegeben hat, etwas mit Piraten“, blieb immer in seinem Hinterkopf. 1992 auf der „Kieler Woche“ wurde die Idee geboren: „Piraten, ein altes Segelschiff und Bierausschank – ein Jahr später waren wir mit genau dem Konzept auf der ,Kieler Woche´vertreten.“ Mit riesigem Erfolg. Bremen, Cuxhaven, die ganze Republik folgte, 1994 wurde aus dem piratenbesetzten Bierausschank ein richtiges Piratenspektakel. Beim Hafengeburtstag in Hamburg mit einer Million Besuchern lieferten sich Venzmers Freibeuter ihr erstes großes „Seegefecht“. Als wohl größte mobile Piratenshow Europas (Tradition Veranstaltungen GmbH) reiste man 14 Jahre lang rund um den Globus. „Wir waren überall – beim Kölner Karneval und beim weltgrößten Piratenfestival in den USA.“

Wie beiläufig bemerkt er, dass irgendwann auch die Filmbranche auf die norddeutschen Freibeuter aufmerksam wurde. Kaum einer weiß, dass Venzmers Jungs zum Beispiel in dem Kinohit „Mission Immpossible I“ Stuntszenen übernahmen. Oder dass sein Stuntman Udo Lüttig in dem Film „In 80 Tagen um die Welt“ den Schauspielstar Jackie Chan gedoubelt hat. Die Filmstudios Babelsberg fragen inzwischen regelmäßig an, und gegen Ende des Jahres wird die gesamte Piratencrew in einer großen deutschen Produktion, deren Titel noch nicht verraten werden darf, mitspielen. Eventuell wird dafür sogar in der Kulisse des PIRATEN OPEN AIR Theaters gedreht. „Wir Piraten haben niemals Feierabend“, so Venzmer. „Nach der Saison ist vor der Saison.“

Auch das war ein Grund, in Nordwestmecklenburg sesshaft zu werden. „Wir waren fast 14 Jahre lang 300 Tage im Jahr in der Welt unterwegs, irgendwann kommt der Wunsch, irgendwo zu Hause zu sein.“ Auch Venzmers „Kino im Kopf“ war ein Auslöser. „Ich hatte meine Flint-Geschichte im Kopf und begann sie aufzuschreiben, für diese Geschichte brauchten wir einen Spielort.“ Warum Nordwestmecklenburg? „Alle Bedingungen waren ideal – von der Autobahnanbindung bis zu dem Wunsch, etwas in meiner Heimat Mecklenburg-Vorpommern aufzubauen. Und wir erhalten hier bis heute große Unterstützung durch den Landkreis und die Stadt Grevesmühlen.“

Die Recherche für seine „schicksalhaften Begegnungen“ dauerte ein Jahr. Venzmer wälzte unzählige Bücher, auf ihren Reisen um die Welt sahen sich die Piraten Originalschauplätze jener Zeit an, zum Beispiel die einstige Pirateninsel Key West in den USA. Dort ist man noch heute stolz auf die Seeräubervergangenheit und hält viel von den Piraten aus Mecklenburg-Vorpommern. Peter Venzmer ist mit dem Polizeichef und dem Bürgermeister gut befreundet und lässt einen Großteil der Kostüme in Key West nähen. „Dann sind sie noch authentischer.“ Kommendes Jahr werden sogar die „Bone Island Baccanieres“, Piratenfans, die in Key West ähnliches auf die Beine stellen, wie die Nordwestmecklenburger Freibeuter, das PIRATEN OPEN AIR Theater besuchen. Vorab schickten sie schon einen Gruß: „Sie haben ein altes Piratenlied aufgenommen, das in unserer Vorstellung zu hören sein wird.“

Peter Venzmer erzählt auch, dass sein PIRATEN OPEN AIR Theater mit mehr als 30.000 Besuchern pro Jahr inzwischen an der Ostseeküste Mecklenburg zu einer festen touristischen Größe geworden ist und auch deutschlandweit immer bekannter wird. So gehören er und sein Team beim Bundeswettbewerb „Land der Ideen“ zu den Gewinnern. Im August werden sie dafür durch den Bundespräsidenten Horst Köhler ausgezeichnet.

Eine Frage, weiß er, liegt allen Besuchern des Spektakels auf der Seele: „Gibt es die Schatzinsel wirklich?“ Die Frage wird irgendwann beantwortet. „Wann, da müssen die Zuschauer sich überraschen lassen.“ Was er an seinem Flint besonders mag? Venzmers Augen leuchten, als er sagt: „Flint ist so etwas wie mein Kind, das Erzbild eines Piraten, eigentlich grundehrlich, immer zwischen gut und böse, durch machtpolitische Kämpfe zu dem geworden, was er ist. Ich mag, dass er am Ende stets dem Publikum geneigt ist.“

Bevor der Intendant sich verabschiedet, kommt er noch mal auf das schöne Wetter zu sprechen, das sein Open-Air-Theater braucht. „Aber wir spielen auch bei Regen, nass wird bei uns niemand, jeder Besucher erhält ein kostenloses Regencapé“, erzählt Peter Venzmer und schmunzelt, wie wohl nur Peter Venzmer schmunzeln kann – verwegen irgendwie.

Dann geht er über den großen „Marktplatz“, der für jeden, der mal Piratenluft schnuppern möchte, zugänglich ist, zurück in sein Büro. Die Arbeit wartet. In anderthalb Wochen ist Premiere.

Karten für das PIRATEN OPEN AIR Theater Grevesmühlen sind über die Ticket-Hotline: 0700 4400 2211 (12ct./min. aus dem deut. Festnetz), an allen bekannten Vorverkaufskassen sowie ab 13 Uhr an der Tageskasse (Schweriner Landstraße 15, 23936 Grevesmühlen) erhältlich. Echten Seeräuberschmaus gibt es in der stilechten Piratentaverne „Zur Schatzinsel“, sie hat dienstags bis sonntags von 12 bis 22 Uhr geöffnet. www.piratenopenair.de

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